P- Weg Marathon in Plettenberg

Im Sauerland gehen die Uhren offenbar ein wenig anders. Zumindest ist dies mein Eindruck nachdem ich auf die Ergebnisliste geschaut habe. Glatte elf Minuten zuviel stehen dort hinter meinem Namen. Wieso, weshalb, warum? Keine Ahnung! Das wird sich wohl auch nicht mehr klären lassen. Macht auch nix. Mit meiner Platzierung bin ich durchaus zufrieden.


Die Idee in Plettenberg zu starten entstand während des 24 Std. Rennens am Alfsee. Kumpel Jan nimmt grad seine Anmeldung vor und ich willige ein, ohne die Strapazen die dieses Rennen mit sich bringt zu erahnen, in diesem Jahr ebenfalls dabei zu sein. Er auf der Langsdistanz von 97 Km, ich auf vorsichtigen 45 mit immerhin 1200 Höhenmetern. Für mich mehr als genug.
An diesem Wochenende war es dann soweit. Anreisetag ist bereits der Freitag, weil der Jan am Samstag vor dem MTB Rennen noch schnell den Marathonlauf von 42 Km absolvieren will. Einmal mehr liefert er den Beweis für seinen Hang zur Extreme, die ihn so liebenswert macht.

Manon hat uns eine exellente und preiswerte Unterkunft etwas auserhalb gebucht, die ich mir, sorry, als Geheimtip wahren möchte. Am Sonntag darf auch ich dann endlich den Sportdress anziehen. Als ich mich in die Startaufstellung einreihe, stelle ich fest, dass ich in den allerletzten Startblock muss. Gute 700 Fahrer stehen vor mir. Dementsprechend langsam setzt sich die Karavane in Bewegung, als um 10 Uhr der Startschuß fällt. Längst hat mich schon wieder das Rennfieber gepackt. Mein eigentliches Vorhaben locker mitzufahren und lediglich zu finishen, ist inzwischen der Zielsetzung unter drei Stunden zu fahren gewichen. Kein unambitioniertes Vorhaben angesichts der Tatsache, dass mit entzündeter Archillessehne fahre.

Die Strecke führt aus der Innenstadt Plettenbergs direkt in den ersten Anstieg. Jan hatte mich gewarnt, nicht zu früh alle Kräfte zu mobilisieren. Ich fahre also bewusst definsiv. Geht auch gar nicht anders. Ein bunter Wurm von Helmen windet sich den Anstieg hoch. Dicht an dicht befinden sich die Fahrer auf der Strecke. Schaltungen knacken, Lungen keuchen, Münder fluchen. Und nirgends ist so richtig Platz. Mal hab ich ´ne fettärschige Gelegenheitsbikerin vor mir, mal macht ein grauhaariger Seniorbiker mit einem Bierfass, das er Bauch nennt, wieder einen dieser wilden und hilfesuchenden Schlenker, mit dem er versucht, angesichts seines Tempos, in Paarung mit Erdanziehungs- und Hangabtriebskraft, nicht vom Rad zu fallen. Wann immer sich doch mal eine Lücke bildet, fahre ich sie zu und mache so Plätze gut. Aber ein konstanter Rhytmus lässt sich so natürlich nicht finden.

Auch in der ersten Abfahrt kann man kaum laufen lassen. Die Bremse wird hier das erste mal heiß. Schlicht zu dicht ist hier noch das Fahrerfeld. Auch die ersten Sturzopfer bekomme ich zu Gesicht. Ein Anblick, an den ich mich im Laufe des Rennens noch gewöhnen werde. In wirklich jeder Abfahrt liegt irgendwo mindestens ein Fahrer mit schmerzverzerrtem Gesicht. Ganz offensichtlich aber stets Folge von Übermut oder Überschätzung. An der Strecke und dem Veranstalter liegt es jedenfalls definitiv nicht! Ich habe noch nie einen derart gut gesicherten Parcour gesehen. An jeder Gefahrenstelle stehen Schilder und mindesten zwei Helfer, die die Gefahrenstelle ankündigen. Dementsprechend komme ich glücklicherweise auch nicht in das zweifelhafte Vergnügen irgendwo helfen zu müssen. Jedes der Sturzopfer wird umgehend medizinisch versorgt. Hier in Plettenberg wird ein unglaublicher Aufwand betrieben. Und trotz all der Arbeit feiern die Plettenberger ihr Event und ihre Teilnehmer. Ich bin total begeistert.

Doch solche Dinge kann ich derzeit nur am Rande wahrnehmen. Die Strecke, insbesondere der lose Schotter, fordert, dank Contis X King, der hier nur suboptimal haftet, meine volle Aufmerksamkeit.
Das Feld hat sich glücklicherweise inzwischen deutlich in die Länge gezogen. Ich kann bergauf wie bergab reichlich Plätze gutmachen und muss nur wenige einbüßen. Beflügelt durch diese Tatsache überwinde ich auch den zweiten großen Anstieg deutlich besser als erwartet. Wenngleich ich auch hier auf Jans Rat hin, mich noch etwas zurückhalte.
Auf dem nun folgenden zehn Kilometer langen Flachstück will ich Tempo machen, mir jedoch auch eine Reserve für den dritten und letzten großen Anstieg lassen. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass ich die angepeilten drei Stunden unterschreiten werde. Das neue Ziel lautet: unter zweieinhalb!
Die Kette wird nach rechts gelegt und mehr Tempo gemacht, als zu vertreten ist. Macht aber auch einfach zuviel Spaß an den vielen klatschenden Zuschauern, die im Freibad an dem verwinkelt angelegten Kurs stehen, vorbei zu rasen.
Das rächt sich nun am dritten Anstieg. Denn den hab ich mir zwar auch im Höhenprofil angesehen, jedoch dessen Länge deutlich unterschätzt. Die Beine brennen, die Lunge pfeift und vor den Augen sehe ich bereits Sterne, als ich endlich oben ankomme. Aber ich bin ja noch gar nicht oben...scheiße, nur eine kurze Zwischengerade. Und schon windet sich der Schotterweg wieder steil gen Himmel. Ich bin an der Kotzgrenze und froh, dass sich vor der Verpflegungsstelle ein Stau begildet hat und ich, wie alle anderen, schieben muss.

Schnell fülle ich meine Trinkflasche auf, klicke ein und setze meinen Weg, natürlich bergauf, fort.
"...den lieben Gott bei der Arbeit geseh´n" diese Textstelle eines Onkelz-Songs kommt mir in den Sinn.
Wenn das hier weiter so bergan geht, komme ich wohl ebenfalls in diesen Genuß, auch wenn ich eigentlich grad durch die Hölle geh. Kann ich den heiligen Graubart in den Wolken ja gleich mal fragen, ob er noch´n Plätzchen frei hat. Denn ich hab das Gefühl ich krepier hier gleich.
Nimmt den dieser scheiß Berg kein Ende? Erstmal jedenfalls nicht. Er verarscht mich mit einer weiteren Zwischengraden und einer zusätzlichen Verschärfung des Steigungslevels. Ein zweites mal muss ich ausklicken und schieben. Ich verliere Plätze und wertvolle Zeit. Zweieinhalb Stunden! Das scheint so weit entfernt. So unendlich weit. Ich bin froh wenn ich überhaupt finishen kann.

Endlich kommt die letzte Abfahrt. Die ist technisch nicht ohne. Ein Singletrail windet sich erst über zahlreiche Wurzeln, dann in Sepentinen mit scharfen Spitzkehren talwärts. Das Ziel, man kann es an der immer lauter werdenden Musik erahnen, kommt immer näher. Die ersten Häuser von Plettenberg werden sichtbar und die letzten Kraftreserven mobil. Die letzte Schleife durch die Innenstadt nehme ich dann nochmal, getragen von tosendem und unermüdlichem Beifall zahlloser Zuschauer, im Wiegetritt auf dem großen Blatt. Im Zielbogen ein Blick auf die Uhr. 2:33! Verdammt, drei Minuten drüber. Aber dennoch deutlich schneller als ursprünglich gedacht und vorallem heil und gesund angekommen.

Bei Bierchen und Kippe dann ein Blick auf die offizielle Ergebnisliste. Ernüchterung. Dort steht 2:44, was aber immerhin noch einen respektablen Platz 75 von 149 in meiner Altersklasse bedeutet. Auch Platz 334 von 745 in der Gesamtwertung kann sich sehen lassen, wie ich finde.
Ich bin rundum zufrieden. Mit der super organisierten Veranstaltung, dem Aldi 29´er, das gut durchgehalten hat und letzlich auch mit mir selbst. Und nach dem P-Weg ist schließlich vor dem P-Weg.
Nächstes Jahr knack ich die zweieinhalb Stunden! :)









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